Krieg und Frieden

Vierteiliger sowjetischer Spielfilm von 1965/1967
Regie Sergej Bondartschuk
Drehbuch Sergej Bondartschuk und Wassili Solowjow, nach dem Roman von Lew Tolstoi
Musik Wjatscheslaw Owtschinnikow
Kamera Anatoli Petrizki
Darsteller Natascha Rostowa - Ljudmila Saweljewa
Pierre Besuchow - Sergej Bondartschuk
Andrej Bolkonski - Wjatscheslaw Tichonow
Ilja Andrejewitsch Rostow - Viktor Stanizyn
Gräfin Rostowa - Kira Golowko
Nikolai Rostow - Oleg Tabakow
Sonja - Irina Gubanowa
Nikolai Andrejewitsch Bolkonski - Anatoli Ktorow
Prinzessin Marja - Antonina Schuranowa
Lisa Bolkonskaja - Anastasia Wertinskaja
Fürst Wassili - Boris Smirnow
Petja Rostow - Serjosha Jermilow
Kutusow - Boris Sachawa
und andere

Teil 1: Andrej Bolkonski
Petersburg im Jahre 1805. In den Salons drehen sich alle Gespräche um Napoleons Eroberungspolitik und den bedrohlich näher rückenden Krieg. Pierre Besuchow, unehelicher Sohn eines begüterten Grafen, ist gerade von einem Studienaufenthalt in Paris nach Petersburg zurückgekehrt und empört die Gesellschaft mit seinen Ansichten und seinem Benehmen. Selbst sein langjähriger Freund Fürst Andrej Bolkonski hat wenig Verständnis für Pierres philosophische Betrachtungen.

Er bedrängt Pierre, endlich eine standesgemäße berufliche Laufbahn einzuschlagen. Doch Pierre schließt sich einem Kreis trinkfreudiger Adliger an und wird kurz darauf wegen groben Unfugs aus Petersburg verbannt. Pierre geht nach Moskau. Als wenig später sein Vater stirbt und er als legitimer Erbe eines bedeutenden Vermögens anerkannt wird, liegt ihm die Moskauer Gesellschaft zu Füßen. Er gilt für alle heiratsfähigen Fürstentöchter als eine der besten Partien des Landes.

Andrej glaubt indessen, in dem spürbar näherrückenden Krieg die Gelegenheit zu sehen, seinen Mut und seine Vaterlandsliebe unter Beweis stellen zu können. Auf Empfehlung seines Vaters wird er Adjutant bei Kutusow, Oberbefehlshaber der russischen Armee. Seine schwangere Frau Lisa lässt er auf dem väterlichen Landgut zurück. In der historischen Schlacht bei Austerlitz wird die russische Armee vernichtend geschlagen und Andrej schwer verletzt.

Er kehrt heim und erlebt mit, wie seine Frau bei der Geburt des Sohnes stirbt. Lisas Tod und die schrecklichen Kriegserlebnisse bewirken eine schwere seelische Krise. Selbst Pierre kann seinen Freund nicht aus seiner Depression reißen.

Eines Tages führt Andrejs Weg zu den Rostows, in deren Haus er schon früher verkehrte. Der inzwischen zu einem charmanten jungen Mädchen herangewachsenen Natascha gelingt es, durch ihre unbekümmerte Frische, Andrej den Glauben an das Leben zurückzugeben ...

Teil 2: Natascha
1807. Fürst Andrej Bolkonski hat dank der Lebensfrische der Komtesse Natascha Rostowa (Foto) seinen Lebensmut wiedergefunden. Er hält um ihre Hand an, gibt ihr jedoch wegen ihrer Jugend ein Jahr Bedenkzeit. Für Natascha eine zu große Bürde...

Ljudmila Saweljewa wurde für ihre feinfühlige, empfindungsreiche Darstellung der Entwicklung eines jungen Mädchens 1965 mit dem "Großen Preis" des Internationalen Filmfestivals von Moskau ausgezeichnet.

Teil 3: Borodino 1812
Im Juni 1812 überfällt Napoleon mit einer gewaltigen Invasionsarmee ohne jede Kriegserklärung Russland. In den Petersburger Salons debattiert der Adel über den Posten des Oberkommandierenden. Fürst Andrej Bolkonski meldet sich freiwillig zum Fronteinsatz und auch sein Freund, Graf Pierre Besuchow, will diesmal nicht abseits stehen. Am 7. September 1812 (26.08.1812) beginnt in der Nähe des Dorfes Borodino, 110 km westlich von Moskau, eine furchtbare Schlacht ... "Am 12. Juni überschritten die Heere Westeuropas die russischen Grenzen und der Krieg begann, das heißt, ein Vorgang, der aller menschlichen Vernunft und aller Menschennatur ins Gesicht schlägt." Mit diesen Worten beginnt Lew Tolstoi den dritten Band seines Romans "Krieg und Frieden". Und weiter: "Der Sieg, den die Russen bei Borodino errangen, war kein Sieg, der nach der Anzahl der erbeuteten, an Stangen genagelten und als Fahnen bezeichneten Zeugfetzen oder nach dem von den Truppen vor oder nach der Schlacht eingenommenen Räume bemessen wird, sondern der moralische Sieg, jener Sieg, der den Gegner von der moralischen Überlegenheit des Feindes und seiner eigenen Ohnmacht überzeugt."

Teil 4: Pierre Besuchow
Die bei Borodino nicht vollends geschlagenen Franzosen marschieren weiter gen Moskau. Feldmarschall Kutusow sieht sich gezwungen, Moskau zu räumen, will er nicht den Totalverlust seiner erschöpften Armee riskieren. Fürst Andrej Bolkonski liegt im Sterben. Natascha und Pierre Besuchow sind auf der Suche nach sich selbst und einem Wendepunkt in ihrem Leben ...

In apokalyptischen Bildern zeigt Sergej Bondartschuk das brennende Moskau, die Plünderungen, die Unmenschlichkeit des Krieges.

***


"Ich habe mich bemüht, eine Geschichte des Volkes zu schreiben", sagte Lew Tolstoi über das gewaltigste seiner gewaltigen Werke. In seiner Heimat wurde "Krieg und Frieden" ein wahres Volksbuch. Heute gehört sein Roman zur Weltliteratur.

Souverän und mit leidenschaftlicher Anteilnahme gestaltete Tolstoi eine entscheidende Periode (1805-1812) im gesellschaftlichen Umbruch Russlands. Sieben Mal schrieb Tolstoi den Roman um, ehe er ihn nach fünf Jahren 1869 abschloss.

Lew (Leo) Nikolajewitsch Graf Tolstoi entstammt einem alten russischen Adelsgeschlecht und wurde vor 175 Jahren, am 9. September 1828, auf dem Gut Jasnaja Poljana (bei Tula) geboren. Seine Hauptwerke sind die Romane "Krieg und Frieden" (1865/69), "Anna Karenina" (1875/77) und "Auferstehung" (1899).

Eindrucksvolle Milieuschilderungen, die Widersprüchlichkeiten der menschlichen Psyche sowie schonungslose Gesellschaftskritik verstand er einzigartig und harmonisch zu verbinden. Lew Tolstoi starb am 20. November 1910 in Astapowo.

Mit seiner Klasse hatte er gebrochen und war entschiedener Gegner der aristokratisch-kapitalistischen Gesellschaft geworden.

Der Film "Krieg und Frieden" folgt exakt der Tolstoi'schen Vorlage, sein Autor und Regisseur Bondartschuk wurde durch Filme wie "Ein Menschenschicksal" (1959) oder "Waterloo" (1970) und zahlreiche Kino- und Fernsehrollen international bekannt.

"Krieg und Frieden" erhielt 1965 auf dem Internationalen Filmfestival in Moskau den "Großen Preis" und 1969 den "Oscar" für den besten ausländischen Film.

   

Copyright © Jürgen Oellerich - All Rights Reserved