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"Wenn man's genau nimmt, haben wir nur Beifall
klatschen gelernt und Fähnchen winken",
wird die 16-jährige Oberschülerin Elisabeth
später im Film zu "Onkel Ludwig"
sagen, dem SED-Kreissekretär und Freund ihres
Vaters. Ihr Vater Martin Haug ist Kreisratsvorsitzender
und "verdienter" Genosse, ein Vorbild
für seine Tochter. Die morgendliche Fahrt im
Dienst-Wolga zur Schule ist für Elisabeth ebenso
selbstverständlich wie das Löschen eines
Tadels von Russischlehrer Boltenhagen. Doch dann
stirbt der Vater ganz plötzlich und unerwartet.
Während die Mutter erstarrt und sich der veränderten
Situation, beispielsweise einer erneuten Berufstätigkeit
und dem Auszug aus der Villa, nicht stellen will,
beginnt Elisabeth, das Leben um sie herum wacher
wahrzunehmen. So traut sie sich, mit Stefan zu sprechen,
einem Schüler aus der 10 b, der ihr schon lange
gefällt. Doch der Junge weist sie zurück,
weil sie die Tochter des Mannes ist, der die Eingaben
seiner Mutter negativ beantwortet hat. Bei "Onkel
Ludwig" erfragt sie die ganze Wahrheit: Stefans
Mutter wurde als Schuldirektorin entlassen, nachdem
ihr Mann bei einer Dienstreise im Westen blieb.
Aus Kummer begann sie zu trinken, und nun verdient
sie ihr Geld als Putzfrau. Doch Bedauern bei "Onkel
Ludwig" erwartet sie vergebens. Etwas mutiger
geworden, hinterfragt Elisabeth ein weiteres Problem:
das Verschwinden ihres älteren Bruders Peter
aus dem Familienleben. Die Mutter verrät ihr
seine Adresse in Berlin, und als ihre Klasse zu
einer Kundgebung fährt, nutzt Elisabeth die
Chance und besucht ihn. Doch nicht er ist es, der
ihr seine Geschichte erzählt, sondern seine
Freundin Barbara: Peter, der lieber mit seinen Händen
arbeitet, sollte nach dem Willen der Eltern das
Abitur machen und studieren. Dies und ein merkwürdiger
Vorfall während seiner Armeezeit führten
zum Bruch mit der Familie. Elisabeth verlässt
die beiden dennoch mit einem guten Gefühl.
Sie will nicht so still sein wie ihr Bruder, so
eigenständig aber doch.
Helmut Dziuba, einer der wenigen Regisseure der
DEFA, die ihre Filme vorwiegend auf ein jugendliches
Publikum ausrichteten, inszenierte seinen Film nach
zwei Erzählungen von Gerhard Holtz-Baumert.
"Über Elisabeths neue Erfahrungen werden
sehr stimmige Impressionen aus dem DDR-Alltag vermittelt
- mit einem formalen Lakonismus, bei dem die sparsam
gesetzten Worte ebenso wichtig sind wie oft nur
Gesten und Blicke. Gezeichnet wird hier auch das
wahrscheinlich genaue Bild einer skeptischen jungen
Generation", schrieb der westdeutsche Filmkritiker
Heinz Kersten zur Premiere. Für die SED-Oberen
war dieser Film wieder ein "Problemfilm mit
jugendlichen Helden". Der Film wurde schon
in der Szenariumsarbeit kritisch begleitet, vieles
wurde entschärft oder entfernt. Dennoch gelang
es, einige der "Reizpunkte" im fertigen
Film zu belassen.
Zu den Gegnern von mehr Realismus im Film gehörte
dann auch das "Neue Deutschland", dessen
Kritiker Knietzsch den Filmemachern vorwarf: "Was
sich realistisch gebärdet, offenbart sich im
Grunde als Realitätsferne. Die künstlerischen
Metaphern, die einen Generationskonflikt suggerieren
wollen, stehen im allzu deutlichen Gegensatz zu
unserer 35-jährigen Wirklichkeit." So
wurde "Erscheinen Pflicht" kurz nach seinem
Start auch wieder weitestgehend aus den Kinos genommen,
die Hardliner hatten sich durchgesetzt.
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