Alle meine Mädchen

Spielfilm aus der DDR von 1979
Regie Iris Gusner
Drehbuch Iris Gusner und Günter Haubold
Musik Baldur Böhme, Gruppe "Orion"
Kamera Günter Haubold
Darsteller Ralf Päschke - Andrzej Pieczynski
Maria Boltzin - Lissy Tempelhof
Ella - Monica Bielenstein
Susi - Madeleine Lierck
Anita - Barbara Schnitzler
Kerstin - Viola Schweizer
Gertrud - Evelin Splitt
Herr Reinhold - Klaus Piontek
Herr Lauterbach - Wolfgang Dehler
Wilhelm Pachnin - Fritz Marquardt
und andere

Ralf Päschke, Regiestudent an der einzigen Filmhochschule der DDR, erhält den Auftrag, einen Dokumentarfilm über eine Frauenbrigade des VEB NARVA in Berlin zu drehen. Der junge Mann ist wenig erfreut, denn wer will das schon sehen? Doch dann lernt er die fünf jungen Frauen und ihre erfahrene Meisterin kennen: Susi, die schnoddrige, kesse, immer in irgendwen Verliebte; Kerstin, die ein braves Kind, eine brave Oberschülerin war und nun nach einem Diebstahl auf Bewährung im Betrieb ist; Anita, die selbstbewusste, aber einsame; Ella, die sich an ihr jahrelanges Verhältnis mit einem verheirateten Mann gewöhnt hat; die kontaktarme, unsichere Gertrud. Und dazu die souveräne, alle Situationen beherrschende Meisterin Marie. Die sechs sind ein ausgezeichnetes Arbeitskollektiv, und doch merkt Ralf bald, dass es unter der Oberfläche Spannungen und Probleme gibt.

Vor allem Kerstin, die Abiturientin, hat es nicht leicht in der Gruppe, zu groß sind die Vorbehalte der anderen ihr gegenüber. Und dann kommt es zum großen Krach: Als die Mädchen von der beschlossenen Umrüstung ihrer Produktionsstrecke erfahren, über die niemand mit ihnen gesprochen hat, wendet sich ihr Unmut gegen die Meisterin. Die kontert mit einer heimlich geführten Liste über Fehlzeiten. Die Mädchen sind empört, worauf Marie ihrerseits so verletzt reagiert, dass sie mit einem Nervenzusammenbruch ins Sanatorium eingeliefert werden muss. Die folgenden Wochen lassen zwischen den jungen Frauen und in ihrem Verhältnis zu Ralf ein neues Verständnis aufkeimen. Ralf ist mittendrin und muss sich fragen, wie viel er von den Problemen in seinem Film preisgeben darf. Doch für Ralf ist die Brigade, sind die sechs Frauen - und von ihnen besonders Kerstin - längst wichtiger als sein Film.

Iris Gusner, eine der wenigen Regisseurinnen der DEFA, zeichnet gemeinsam mit Szenaristin Gabriele Kotte ein realitätsnahes Frauengruppenporträt Ende der 70er-Jahre in der DDR. Sie erzählen genau bis ins Detail, freundlich und liebevoll, nie schönfärberisch glättend. So repräsentiert "Alle meine Mädchen" ein wesentliches Stück DDR-Alltag. Ein interessantes Zeitdokument, dessen sehr lebendige Ausstrahlung es neben der stimmigen Geschichte vor allem den schauspielerisch überzeugenden Mädchen (unter ihnen Barbara Schnitzler als DEFA-Debüt) und Lissy Tempelhof als Meisterin verdankt. Für diese Rolle erhält sie den Jury- und Publikumspreis beim Nationalen Spielfilmfestival der DDR. Lissy Tempelhof feierte am 17.3.2009 ihren 80. Geburtstag.

In Berlin, in einer Arbeiterfamilie geboren, arbeitet Lissy Tempelhof nach dem Krieg u.a. als Sekretärin und Straßenbahnschaffnerin. In einer Laienspielgruppe und in einem Kabarett sammelt sie erste Schauspielerfahrungen. Ihr erstes Engagement erhält sie 1947 am Landestheater Anklam, von 1950-1953 holt sie ihre Schauspielausbildung an der Schauspielschule Berlin nach. Es folgen Engagements in Senftenberg, Dresden und Berlin. Ab 1963 gehört sie zum Ensemble des Deutschen Theaters Berlin und spielt dort mehr als 35 Jahre. Ihre erste Filmrolle bekommt sie 1954 in "Der Ochse von Kulm" bei Martin Hellberg, ihre erste tragende Rolle gibt ihr Konrad Wolf als Ärztin Inge Rudloff in "Professor Mamlock" (1961).

Ihren berühmtesten Film dreht sie mit "Die besten Jahre" 1965. Als Lehrerin Hilde nimmt sie einen Kriegsheimkehrer auf und unterstützt ihn, selbst Lehrer zu werden, was er ihr nicht dankt. In der Folgezeit verkörpert sie oft selbstbewusste und leidenschaftliche Charaktere, wie beispielsweise die Witwe eines Parteifunktionärs in Helmut Dziubas "Erscheinen Pflicht" (1984). Lissy Tempelhof ist ebenso in zahlreichen TV-Filmen und -Serien zu sehen, besonders häufig im "Polizeiruf 110". Sie macht sich als Chanson-Sängerin einen Namen und unterrichtet an einer Berliner Spezialmusikschule. Bis heute ist sie als Schauspielerin aktiv.
   

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