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Nach 23 Jahren wird der Schuhmacher Wilhelm Voigt
aus dem Gefängnis entlassen. Ein halbes Leben
hat er wegen Urkundenfälschung, Irreführung
der Behörden und Passvergehen in einer Zelle
des Berliner Gefängnisses Plötzensee verbracht.
Der Entlassungsschein ist das einzige Papier, das
er vorweisen kann. All seine Versuche, eine bürgerliche
Existenz aufzubauen, scheitern. Denn ohne Papiere
bekommt er keine Arbeit, ohne Arbeit keine Papiere.
Bei dem verzweifelten Versuch, ein Passformular
zu stehlen, wird er erwischt. Wieder schließen
sich die Tore des Zuchthauses hinter ihm - diesmal
für zehn Jahre.
In der Gefängnisbibliothek studiert er mit
Feuereifer die "preußische Felddienstordnung".
Ein Satz prägt sich ihm ein: "Der Offizier
wird allein durch seine Rangabzeichen legitimiert.
Ein Kommando unter Gewehr verleiht ihm absolute
Befehlsgewalt." Nach seiner Entlassung versucht
es Wilhelm Voigt noch einmal auf ehrliche Weise.
Seine Schwester Marie gewährt ihm Kost und
Logis, obwohl ihr Mann, ein Beamter, Bedenken hat,
einen identitätslosen Ex-Häftling zu beherbergen.
Als die Behörden Voigts Ausweisung aus Deutschland
verfügen, entsinnt sich der Schuster der bedeutungsvollen
Definition aus der Militärgesetzgebung.
Mithilfe einer Offiziersuniform aus einem Trödelladen
verwandelt er sich auf der Toilette des Schlesischen
Bahnhofs in Berlin in einen preußischen Hauptmann.
Mit einer Handvoll Soldaten, auf der Straße
aufgelesen, startet er seinen großen Coup.
Im Rathaus von Köpenick fällt Bürgermeister
Obermüller aus allen Wolken, als ein zackiger
Hauptmann mit einem kleinen Kommando anrückt
und sie alle kurzerhand für verhaftet erklärt.
Besagter Hauptmann allerdings erlebt ebenfalls einen
kleinen Schock, als er hört, dass es im Köpenicker
Rathaus gar keine Passstelle gibt, denn schließlich
wollte er sich mit seinem abenteuerlichen Unternehmen
nur einen Pass beschaffen. So beschlagnahmt er lediglich
die Stadtkasse und verschwindet wieder. Tags drauf
lacht ganz Berlin über den "Hauptmann"
und die Polizei sucht nach dem Übeltäter.
Am 17. Oktober 1906 meldet das Berliner Tageblatt
unter der Schlagzeile "Geniestreich eines Hauptmanns:
Eine sehr mysteriöse Gaunergeschichte, die
in ihrer Art und für unsere Verhältnisse
geradezu einzigartig ist, hat sich gestern im benachbarten
Köpenick ereignet." 25 Jahre später
wurde die Berliner Uraufführung des Bühnenstücks
"Der Hauptmann von Köpenick" für
Carl Zuckmayer zum größten Triumph seiner
Dramatiker-Karriere. Er machte nicht nur den kleinen
Schuster unsterblich, sondern er brachte in die
deutsche Sprache einen neuen Begriff ein - den der
Köpenickiade.
Wenige Monate später kam Richard Oswalds Filmversion
mit Max Adalbert in der Titelrolle in die Kinos.
25 Jahre später wagte Helmut Käutner das
Remake. Die Titelrolle spielte diesmal Heinz Rühmann
und wurde dafür mit unzähligen Preisen
bedacht. Schließlich wagte sich 1997 Frank
Beyer an den Zuckmayer-Stoff und besetzte die Rolle
seines Wilhelm Voigt, der als Hauptmann von Köpenick
Geschichte schrieb, mit Harald Juhnke.
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