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Fahrdienstleiter Brock überrascht auf dem Güterbahnhof
am Gleis 2 zwei Diebe. Stellen kann er sie nicht,
aber er meint, einen von ihnen erkannt zu haben.
Dann passiert etwas Seltsames: Bei einer Gegenüberstellung
mit dem verdächtigen Rangierer Runge hält
Brock inne. Er gibt vor, sich geirrt zu haben. Von
diesem Moment an verhält sich Brock, schon
immer schweigsam und einzelgängerisch, merkwürdig.
Er bittet um seine Versetzung nach Rostock und schiebt
das geplante Studium seiner Tochter Vera vor, die
es damit aber gar nicht so eilig hat. Auch Runge
bleibt nicht untätig. Er schickt seinen Komplizen
Frank Reißner los, um sich das Vertrauen von
Brocks Tochter zu erschleichen und nach Einzelheiten
der Familiengeschichte zu fragen. Runge ist sich
ziemlich sicher, dass er Brock als Walter Merkel
kannte, beide wohnten während der Nazizeit
in einem Haus in Küstrin. Und beide verbindet
eine düstere Geschichte.
Frank, der Vera zunehmend sympathisch findet, stößt
sie durch seine Fragen auf Ungereimtheiten in ihrer
Familiengeschichte. Ihr Vater hatte ihr erzählt,
dass ihre Mutter bei einem Bombenangriff ums Leben
kam, doch Küstrin wurde nie bombardiert. Gemeinsam
fahren sie in das Kinderheim, aus dem sie der Vater
nach seiner Rückkehr aus der Kriegsgefangenschaft
holte. Im Archiv ist keine Vera Brock eingetragen,
wohl aber eine Vera Merkel. Und sie wurde dort von
einer Gertrud Runge eingeliefert. Sie finden Frau
Runge und Vera erfährt die erschütternde
Geschichte: Ihre Mutter hatte in der Werkstatt des
Vaters einen entflohenen jüdischen Häftling
versteckt. Merkel, überraschend als Soldat
nach Hause zurückgekehrt, sah den Mann und
war unfähig, vor Runge, der den Häftling
suchte, und dem er im Treppenhaus begegnete, seine
Angst zu verbergen. Runge erschoss den Juden und
lieferte Frau Merkel der Gestapo aus. Am nächsten
Tag verließ Frau Runge ihren Mann und nahm
die kleine Vera mit, zu der sie später durch
die Kriegswirren den Kontakt verlor. Nach dem Krieg
holte Merkel seine Tochter aus dem Kinderheim und
nahm aus Scham vor seinem Versagen eine neue Identität
an. Doch nun, Jahre später, lädt er durch
sein Schweigen erneut Schuld auf sich: Runge tötet
Reißner, der sich von ihm abwendet, durch
eine bewusst falsch gestellte Weiche.
Der DEFA-Regisseur Joachim Kunert ("Die Abenteuer
des Werner Holt", 1966) drehte mit "Das
zweite Gleis" einen tiefgründigen Film
"über das schuldhafte Versagen eines im
Grunde anständigen Menschen" (Lexikon
des Internationalen Films) nach einem Originaldrehbuch
des Schriftstellers Günter Kunert. Es ist einer
der wenigen DEFA-Filme, der die unter der Oberfläche
des DDR-Alltags schwelende, unbewältigte Zeit
des Faschismus thematisiert. Zu Unrecht ist dieser
Film, der formal von einer beeindruckenden expressionistischen
Schwarz-Weiß-Fotografie geprägt ist,
aus dem öffentlichen Gedächtnis über
DEFA-Filme weitgehend verschwunden.
Richter-Reinick, der 1984 verstarb, lieferte in
der Rolle des Erwin Runge eine der überzeugendsten
Charakterdarstellungen seiner Laufbahn. Er gehörte
zu den wenigen Schauspielern der DDR, die den Status
eines "Volksschauspielers" genießen
konnten. Vor allem in den Sechziger- und Siebzigerjahren
wurde er als Mitglied des Fernsehensembles mit zahlreichen
Rollen in heiteren Gegenwartsstücken und Schwänken
zum Liebling des Publikums. In seinem Nachruf schrieb
Peter Hoff: "Er war stets mit allem Einsatz
bei der Sache. Die heitere Dramatik, sein Metier
im Fernsehen, nahm er sehr ernst, ohne dass der
Spaß am Spiel zu kurz dabei kam. Dieser Spaß
übertrug sich auf die Zuschauer. Der Applaus
seiner Zuschauer ... waren für ihn ein Kredit,
den es immer wieder neu zu rechtfertigen galt."
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