Das zweite Gleis

Spielfilm aus der DDR von 1962
Regie Joachim Kunert
Drehbuch Günter Kunert und Joachim Kunert
Musik Pavol Simai
Kamera Rolf Sohre
Darsteller Walter Brock - Albert Hetterle
Vera Brock - Annekathrin Bürger
Frank Reißner - Horst Jonischkan
Erwin Runge - Walter Richter-Reinick
Gertrud Runge - Helga Göring
Heinz Gericke - Erik S. Klein
Anneliese Merkel - Johanna Clas
Leiterin des Kinderheims - Brigitte Lindenberg
Kriminalpolizist - Paul Berndt
Lokomotivführer - Walter E. Fuß
u. a.

Fahrdienstleiter Brock überrascht auf dem Güterbahnhof am Gleis 2 zwei Diebe. Stellen kann er sie nicht, aber er meint, einen von ihnen erkannt zu haben. Dann passiert etwas Seltsames: Bei einer Gegenüberstellung mit dem verdächtigen Rangierer Runge hält Brock inne. Er gibt vor, sich geirrt zu haben. Von diesem Moment an verhält sich Brock, schon immer schweigsam und einzelgängerisch, merkwürdig. Er bittet um seine Versetzung nach Rostock und schiebt das geplante Studium seiner Tochter Vera vor, die es damit aber gar nicht so eilig hat. Auch Runge bleibt nicht untätig. Er schickt seinen Komplizen Frank Reißner los, um sich das Vertrauen von Brocks Tochter zu erschleichen und nach Einzelheiten der Familiengeschichte zu fragen. Runge ist sich ziemlich sicher, dass er Brock als Walter Merkel kannte, beide wohnten während der Nazizeit in einem Haus in Küstrin. Und beide verbindet eine düstere Geschichte.

Frank, der Vera zunehmend sympathisch findet, stößt sie durch seine Fragen auf Ungereimtheiten in ihrer Familiengeschichte. Ihr Vater hatte ihr erzählt, dass ihre Mutter bei einem Bombenangriff ums Leben kam, doch Küstrin wurde nie bombardiert. Gemeinsam fahren sie in das Kinderheim, aus dem sie der Vater nach seiner Rückkehr aus der Kriegsgefangenschaft holte. Im Archiv ist keine Vera Brock eingetragen, wohl aber eine Vera Merkel. Und sie wurde dort von einer Gertrud Runge eingeliefert. Sie finden Frau Runge und Vera erfährt die erschütternde Geschichte: Ihre Mutter hatte in der Werkstatt des Vaters einen entflohenen jüdischen Häftling versteckt. Merkel, überraschend als Soldat nach Hause zurückgekehrt, sah den Mann und war unfähig, vor Runge, der den Häftling suchte, und dem er im Treppenhaus begegnete, seine Angst zu verbergen. Runge erschoss den Juden und lieferte Frau Merkel der Gestapo aus. Am nächsten Tag verließ Frau Runge ihren Mann und nahm die kleine Vera mit, zu der sie später durch die Kriegswirren den Kontakt verlor. Nach dem Krieg holte Merkel seine Tochter aus dem Kinderheim und nahm aus Scham vor seinem Versagen eine neue Identität an. Doch nun, Jahre später, lädt er durch sein Schweigen erneut Schuld auf sich: Runge tötet Reißner, der sich von ihm abwendet, durch eine bewusst falsch gestellte Weiche.

Der DEFA-Regisseur Joachim Kunert ("Die Abenteuer des Werner Holt", 1966) drehte mit "Das zweite Gleis" einen tiefgründigen Film "über das schuldhafte Versagen eines im Grunde anständigen Menschen" (Lexikon des Internationalen Films) nach einem Originaldrehbuch des Schriftstellers Günter Kunert. Es ist einer der wenigen DEFA-Filme, der die unter der Oberfläche des DDR-Alltags schwelende, unbewältigte Zeit des Faschismus thematisiert. Zu Unrecht ist dieser Film, der formal von einer beeindruckenden expressionistischen Schwarz-Weiß-Fotografie geprägt ist, aus dem öffentlichen Gedächtnis über DEFA-Filme weitgehend verschwunden.
Richter-Reinick, der 1984 verstarb, lieferte in der Rolle des Erwin Runge eine der überzeugendsten Charakterdarstellungen seiner Laufbahn. Er gehörte zu den wenigen Schauspielern der DDR, die den Status eines "Volksschauspielers" genießen konnten. Vor allem in den Sechziger- und Siebzigerjahren wurde er als Mitglied des Fernsehensembles mit zahlreichen Rollen in heiteren Gegenwartsstücken und Schwänken zum Liebling des Publikums. In seinem Nachruf schrieb Peter Hoff: "Er war stets mit allem Einsatz bei der Sache. Die heitere Dramatik, sein Metier im Fernsehen, nahm er sehr ernst, ohne dass der Spaß am Spiel zu kurz dabei kam. Dieser Spaß übertrug sich auf die Zuschauer. Der Applaus seiner Zuschauer ... waren für ihn ein Kredit, den es immer wieder neu zu rechtfertigen galt."
   

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